Zur Bedeutung des Logos

«Strukturell» heisst, die Form und die anatomische Lage der Strukturen zu kennen und mit diesen direkt oder auch indirekt zu arbeiten.

«Funktionell» heisst, die Form aus ihrer Funktion, d. h. aus ihrer Bewegung zu verstehen und therapeutisch an dieser Funktion anzuknüpfen, d. h. ausschliesslich indirekt zu arbeiten.

«Biodynamisch» heisst, «…knowing, feeling fingers» und ein Verständnis davon zu haben, wie sich der Breath auf Life (die Primäre Atmung) in den unterschiedlichen Bewegungen (auf den Ebenen: CRI, Fluid Tide, Long Tide, Dynamische Stille) manifestiert, und dass sich unser Bewusstsein mit dem Kontakt zu den verschiedenen Ebenen (Zonen) verändert, und umgekehrt, d. h. dass wir in jeder Zone unterschiedliche Phänomene wahrnehmen und wir uns therapeutisch synchron dazu verhalten.

Von der Struktur zur Funktion. Von der Funktion zur Biodynamik.

Oft wissen die Hände ein Geheimnis zu enträtseln,
an dem der Verstand sich vergebens bemüht.*
~C. G. Jung~

 

 

Die traditionelle Aufgabe der Osteopathie und der Craniosacralen Osteopathie ist es, das natürliche Wechselspiel von Struktur und Funktion zu erhalten. Von Anfang an war die Cranioschule diesem philosophischen Prinzip verbunden. Inzwischen verstehen wir, wie weitsichtig diese Philosophie des Begründers der Osteopathie A.T.Still gefasst war. Verbirgt sich doch hinter diesem Prinzip "Struktur/Funktion" auch die Polarität "Biomechanik/Biodynamik", "Materielles/Lebendiges", "Matter/Motion and MIND".

Am Berührungspunkt dieser Pole - erfahren durch den „Cranio-Rhythmus“ und die subtilen Bewegungen der Tides - findet unsere osteopathische Arbeit statt. Der „Atem des Lebens“ in Aktion sind der „Cranio Rhythmus“ und subtilere Bewegungen aus der Biodynamik.

Im therapeutischen Prozess geben die Craniosacral Praktizierenden dem Prinzip Funktion Raum, indem sie die Funktion bewusst beobachten und ihr folgen, oder indem sie Strukturen lösen, so dass die Funktion unter der Kraft des „Atem des Lebens“ sich wieder entfalten kann.

Manches Problem braucht die strukturelle Arbeit, ein anderes eher das Vertrauen in die Kräfte des Lebens (Biodynamik). Im Verlauf  einer Behandlung ist es häufig ein intuitives Zusammenspiel von strukturellem und  biodynamischem Zugang. Im therapeutischen Prozess die richtige Balance zu finden, das ist die Kunst der Craniosacralen Osteopathie/Therapie.

Ein tiefes Verständnis dafür erwerben wir uns aus zwei Quellen: Die Berührung und das Studium, also eine gefühlsmassig liebevolle Erfahrung und die Reflexion, die uns für die Weisheit der Schöpfung öffnen.

*C. G. Jung sprach in diesem Zusammenhang  allerdings von der Gestaltung durch die Hände, indem diese durch Malen und Modellieren das Unbewusste sichtbar machen. Wir versuchen die Sprache des Körpers mit den Händen zu entschlüsseln.

 

Das Leitbild der Lehre in der Cranioschule lässt sich in drei Prinzipien zusammenfassen:

1. Die Craniale Osteopathie nach W. G. Sutherland/R. Becker bildet die Grundlage der CSO/CSTherapie und beinhaltet sowohl einen funktionellen, als auch einen biodynamischen Ansatz.

2. In der praktischen Anwendung unterscheidet die CSO/CSTh ebenfalls einen strukturellen (funktionellen) und einen rhythmischen (biodynamischen) Anteil. Beide Aspekte bilden in der praktischen Arbeit eine organische Einheit, und beide Anteile werden mit dem Bewusstsein der „freien Aufmerksamkeit“ begleitet.

2.a) Struktureller Aspekt: Das Erlernen der anatomischen Strukturen mit ihrer biologischen Funktion und die Kontaktaufnahme zu diesen Strukturen bilden eine der wichtigsten Grundlagen für die praktische Arbeit.

2.b) Rhythmischer Aspekt: Von gleicher Bedeutung ist die  Wahrnehmung und Begleitung der Craniosacralen Bewegungen, d. h. des Cranial Rhythmischen Impulses (CRI) sowie der weiteren subtilen Eigenbewegungen (energetische Vibrationen, sogenannte "long tides").

3. Der psychosomatische Wirkungsmechanismus der CSO/CSTh wird berücksichtigt. Psychodynamische Prozesse (z.B. Traumata) können aktiv und aufmerksam begleitet werden, sie werden aber nicht forciert oder bewusst reaktiviert.

Erläuterung der drei Prinzipien:

Zu 1.: Grundlage der CSO/CSTh ist die Craniale Osteopathie nach W.G. Sutherland D.O. (1873-1954) sowie die Impulse, die Rollin E. Becker D.O. (1910-1996) dieser Arbeit gegeben hat, nach denen der funktionelle Ansatz den biodynamischen Ansatz mit einschliesst.

Zu 2.: Die praktische Arbeit gemäss der CSO/CSTh gliedert sich in drei Phasen. Alle drei Phasen, insbesondere die erste, werden in einer Grundhaltung der Mühelosigkeit mit der „freien Aufmerksamkeit“ begleitet. Das heisst, dass CS-Praktizierende während der Behandlung zu den Klienten aus einem neutralen Bewusstseinsraum heraus Kontakt aufnehmen, einem Raum, der nicht an vorgegebene Gedanken oder Bilder gebunden ist.

  • Erste Phase: Die einfache Beobachtung der Eigenbewegung ("motility") und das Lenken der „freien Aufmerksamkeit“ auf die anatomischen Strukturen.
  • Zweite Phase: Überprüfung der Beweglichkeit der Strukturen ("mobility").
  • Dritte Phase: Anwendung subtiler Techniken aus dem biomechanischen und dem biodynamischen Ansatz. Daraus folgen verstärkte oder veränderte Eigenbewegung ("movement") oder Lösungsbewegungen ("unwinding"), und/oder eine tiefe Entspannung ("Still Point") oder Reorganisation innerhalb der Gewebestrukturen und dem Bewusstsein.

Die praktische Erfahrung mit der CSO/CSTh zeigt, dass die beeindruckende Wirkung dieser Therapie nicht allein durch die strukturelle/funktionelle Arbeit zu erklären ist, das heisst dass ebenso der rhythmische (biodynamische) Anteil seine Wirkung entfaltet.

Weiterhin gibt es Beobachtungen, dass ein kräftiger Cranial Rhythmischer Impuls ein Zeichen dafür ist, dass weitere wichtige Körperrhythmen in ein harmonisches Verhältnis zueinander treten („entrainment“) , und dass damit das Vegetative Nervensystem in einen ausgeglichen Zustand kommt.

Zu 2.a) Der funktionelle/strukturelle Aspekt: Die strukturellen Ebenen des CS-Systems sind die Knochen, das Bindegewebe mit den Hirnhäuten, die Flüssigkeitsräume und das Organgewebe in ihrer Funktion. Diese Arbeit ist eine manuelle Kontaktaufnahme bis in die mikroskopische Ebene der Strukturen hinein. Die freie Beweglichkeit jeder dieser strukturellen Ebenen ist für die freie Entfaltung der subtilen Körperrhythmen (CRI, Long Tides, energetische Vibrationen) notwendig.

Zu 2.b) Der rhythmische Aspekt: Neben  dem Cranial Rhythmischen Impuls werden noch weitere subtile Eigenbewegungen beobachtet. Diese freien und rhythmischen Eigenbewegungen sind ein konkreter und wahrnehmbarer Ausdruck eines grossen Selbstregulierungs- und Selbstheilungspotentials. In der Freilegung dieser Kräfte liegt die wichtigste Aufgabe der Craniosacral Praktizierenden.

Zu 3.: Psychosomatischer Wirkungsprozess. Die Entwicklung hin zu einer freien harmonischen Bewegung des Organismus, insbesondere des Craniosacralen Systems, unterstützt körperliche Heilungsprozesse. Dies wird meist von einer grossen emotionalen Entlastung begleitet und kann zu einer veränderten/verbesserten Selbstwahrnehmung führen – was wiederum ermöglicht, körperliche und psychische Beschwerden zu relativieren. Somit fördert die CSO/CSTh die Klienten in ihrer Selbst-Entwicklung hin zu einem autonomen Denken, Fühlen und Handeln. Diesem psychischen Anteil in der therapeutischen Erfahrung muss ebenso Beachtung geschenkt werden.

In einer sehr zurückhaltenden, d.h. nicht retraumatisierenden Art kann über die strukturelle und rhythmische CS-Arbeit, wie sie an unserer Schule unterrichtet wird, an der „vegetativen Verdauung“ schwieriger oder traumatischer Lebenssituationen gearbeitet werden – dies geschieht in einer Form, welche klare Grenzen zu den wichtigen Gebieten der Psychotherapie oder Körperpsychotherapie einhält.