Fallbeispiel: Kinderheilkunde - Säugling mit Hypotonie
- Silvan Grob

- 10. Juni
- 3 Min. Lesezeit
Kinderheilkunde - Säugling mit Hypotonie
Ein Fallbeispiel aus Rudolf Merkels Praixs.
Sandra ist 8 Monate alt. Die Mutter kommt mit ihr in die Sitzung, da sie einen schwachen Muskeltonus hat und jetzt in ihrer motorischen und sozialen Entwicklung auf dem Stand von 3 Monaten ist.
Die Schwangerschaft war gut, der Kopf ist relativ früh abgestiegen, und Sandra lag dann mehrere Tage vor dem Beckenausgang. Wegen eines sehr grossen Kopfes musste sie in der letzten Phase der Geburt mittels Vakuumextraktion (Saugglocke) geholt werden. Zum Schluss des Gespräches fügt die Mutter noch hinzu, dass der Grossvater im 3. Monat der Schwangerschaft einen schweren Hirninfarkt hatte.
Diagnostic Touch:
Ich habe das Kind auf dem Arm und beobachte den CS-Rhythmus. Während die Mutter dies erzählt, stoppt die craniosacrale Bewegung für einige Sekunden. Anschliessend kommt die Bewegung wieder, aber nur mit wenig Kraft, d. h. mit einer sehr schwachen Amplitude. Offensichtlich hat Sandra etwas von unserem Gespräch mitbekommen und erinnert sich bewusst oder unbewusst an dieses Ereignis. Die Mutter berichtet auf meine Nachfrage weiter, dass die Krankheit des Grossvaters ein Schock und eine grosse Belastung für die Familie gewesen war. Ich sage der Mutter nicht, dass ich dies an Sandras Körperbewegung bestätigt finde. Es könnte die Mutter nur noch mehr belasten. Ich führe Sandra, während der CRI, bedingt durch das Gespräch, noch sehr schwach ist, über die craniosacrale Technik des Still Point in die Entspannung und warte, bis die Eigenbewegung wiederkommt.
Therapeutic Touch:
Anschliessend beginne ich mit der strukturellen Arbeit am Kopf. Ich finde eine leichte Kompression der beiden Scheitelbeine in der mittleren Schädelnaht, der Sutura sagittalis. Vielleicht ist diese Kompression bedingt durch die Saugglocke, vielleicht aber auch durch die lange Lagerung im Beckenausgang.
Ich löse erst einmal die Scheitelbeine voneinander und integriere sie in die craniosacrale Bewegung des übrigen Schädels. Später nehme ich gleichzeitig ihr Kreuzbein und das Hinterhauptsbein in die Hand und gehe lange mit der Eigenbewegung der Knochen mit. Durch die lange Berührung bekommt Sandra Kontakt zu ihrem Skelett und die Eigenbewegung wird kräftiger. Jetzt hat sie neue Kräfte und Ressourcen, um sich mit dem Stressthema aus der Zeit vor der Geburt zu konfrontieren. Ich versuche mich noch einmal an die Worte und die Stimmung in den Worten der Mutter zu erinnern. Sandras CRI stoppt diesmal nicht, aber die Amplitude wird deutlich schwächer. Sandra reagiert auf meine Erinnerung mit einer Veränderung des CRI. Ich führe Sandra mit einer Technik in den Still Point, dies bedeutet: Die langsame Bewegung des CRI kommt in eine hochfrequente, feinere Schwingung. Es ist wie eine bewegte Stille. Diese hochfrequente stille Bewegung dauert ca. eine Minute, dann taucht – wie aus einem tiefen, erholsamen Schlaf – langsam die craniosacrale Bewegung wieder in einer neuen Qualität auf. Die Frequenz ist unverändert gut, die neue Qualität zeigt sich in der Amplitude. In der rhythmischen Bewegung ist mehr Kraft als zu Anfang der Behandlung. Möglicherweise hat sich in der «bewegten Stille», die den ganzen Körper erfasst hat, Spannung lösen können. Es war eine Spannung, die aber nach aussen sich in einem reduzierten Muskeltonus und einer sozialen Zurückgezogenheit zeigt.
In den folgenden Behandlungen gehe ich ähnlich vor. Nach dem dritten Termin berichtet die Mutter, dass Sandra endlich in der Physiotherapie Fortschritte mache und sehr viel plaudere. In der Stille der craniosacralen Behandlung hat Sandra eine sehr frühe und offensichtlich prägende Verunsicherung übergeben können. Zum Glück schon so früh. Hoffentlich bleibt ihre Entwicklung so gut.
Da die Eltern durch den Erfolg der Behandlung sehr motiviert sind, gebe ich ihnen den Rat, sich wieder zu melden, wenn die Entwicklung auch in späteren Jahren stocken sollte. Es ist möglich, dass sich diese Erinnerung an den Schock und die Verunsicherung der Familie durch die Krankheit des Grossvaters in späteren Lebensphasen wieder meldet.
Ihre Erfahrung interessiert uns
Haben Sie bereits ähnliche Fälle begleitet?
Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Wir freuen uns auf Ihre fachlichen Rückmeldungen und den Austausch in den Kommentaren.
Herzlich grüsst
Euer Cranioschule-Team



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