Fallbeispiel: Säugling mit vermindertem Kopfwachstum
Kinderheilkunde - Säugling mit vermindertem Kopfwachstum
Ein Fallbeispiel aus Rudolf Merkels Praixs.
Sven wurde mir vom Kinderarzt für die craniosacrale Therapie überwiesen. Er wurde als erster Zwilling geboren. Bei der Kontrolluntersuchung zum vierten Monat fiel eine geringe Gewichtszunahme und ein vermindertes Kopfwachstum auf. Die Bewegungsentwicklung war noch altersentsprechend. Bei der Nachuntersuchung im 6. Monat zeigte sich bei Sven jedoch zusätzlich ein psychomotorischer Entwicklungsrückstand. Die Eltern berichteten weiterhin, dass Sven nachts bis zu 15-mal aufwache und schreie. Alle schulmedizinischen Untersuchungen, einschliesslich MRI, zeigten keine Ursache für das verminderte Hirnwachstum. Es wurde mit einer wöchentlichen Physiotherapie begonnen, die aber noch keinen Erfolg zeigt.
Zur ersten craniosacralen Behandlung kommt die Mutter mit den Zwillingen Sven und Jan, als diese 9 Monate alt sind. Neben dem vitalen Bruder wirkt Sven wie ein Häuflein Elend. Er ist blass, mit wenig Ausdruck in den Augen. Der zu kleine Kopf ist offensichtlich, er liegt schlaff in seinem Maxi-Cosi (Autositz für Kinder).
Diagnostic Touch:
Ich nehme ihn auf den Arm und setze mich auf die Behandlungsmatratze am Boden. Die Mutter bleibt im Zimmer und schaut uns zu. Sven protestiert nicht. Während ich die einzelnen Schädelknochen und das Sacrum untersuche, beginne ich gleichzeitig mit der Stressevaluation und befrage die Eltern nach besonderen Ereignissen während der Schwangerschaft, der Geburt oder während der ersten Lebensmonate. Der CRI stoppt nicht während dieses Gesprächs mit den Eltern, d. h., ich erhalte keinen Hinweis für ein emotional belastendes Ereignis, oder habe ich noch nicht die richtige Frage gestellt?
Die Schädelknochen, bis auf den Oberkiefer, sind in den Suturen passiv relativ frei beweglich, auch Hinterhauptsbein und der 1. Halswirbel liegen gut. Ich lenke meine Aufmerksamkeit auf die unter der Schädeldecke liegenden Hirnhäute, aber auch dort findet sich keine besondere Spannung.
Die Dynamik des CRI lässt mich allerdings aufhorchen. Meine Hände liegen weiterhin am Kopf. Ich nehme meine eigene Aktivität zurück und warte auf die Eigenbewegung von Hirn und Hirnwasser, welche die Hirnhäute, dann die Knochen und dann meine Hände bewegen sollte. Es kommt fast keine Bewegung in meine Hände. So stumm und leblos wie die Augen von Sven sind, so ist auch die Eigenbewegung seines craniosacralen Systems. Es ist die Kraftlosigkeit, die ich sonst bei Kindern mit einer schweren Cerebralparese finde oder, neutraler, es sind ca. 10 % der Kraft oder der Amplitude, wie ich sie sonst bei einem gesunden Säugling oder Kleinkind finde. Ich bin etwas erschrocken. Wie ist dies möglich neben diesem gesunden Zwillingsbruder?
Therapeutic Touch:
Ich horche noch weiter mit meinen Händen in das Kind hinein und warte, bis ich sicher bin, was zu tun ist. Dieser Moment ist oft schwierig auszuhalten. Nach ca. 5 Minuten beginnen meine Hände mit der strukturellen Arbeit. Es sind Lösungs- und Entspannungstechniken an den Knochen der Schädelbasis und dann am Gesichtsschädel, insbesondere dem Oberkiefer. Sven schläft nach ca. 15 Minuten ein. Ist er erschöpft, oder ist es der „Cranioschlaf“, in dem sich für das Kind unbewusst eine unangenehme Spannung löst? Ich kann es nicht genau sagen. Im letzten Drittel der Behandlung beginne ich mit anregenden Techniken für die Eigenbewegung von Hirn und Hirnwasser. Ich suche seinen CRI am Kopf und gehe mit der Bewegung mit, dann gebe ich der schwachen Eigenbewegung über verschiedene Schädelknochen subtile anregende Impulse. Es ist, als würde ich seinem Pendel immer wieder einen neuen Schwung geben, in der Hoffnung, dass es anschliessend selbstständig und etwas kraftvoller weiterschwingt.
Zum Schluss lege ich eine Hand unter das Kreuzbein und die andere an das Hinterhauptsbein. Wieder horche ich erst mit meinen Händen in seine Eigenbewegung. Das Pendel schwingt fast ebenso schwach wie zu Anfang. Wieder gebe ich jetzt wechselweise vom Kreuzbein und vom Hinterhauptsbein aus anregende weiche Impulse in die bestehende Eigenbewegung. Sven schläft noch. Erst als ich ihn wieder der Mutter gebe, öffnet er die Augen. Die Mutter sagt spontan, dass er erholt und wacher ausschaue als sonst.
Beim nächsten Termin nach 14 Tagen berichten beide Eltern, dass Sven mehr zu plaudern begonnen habe und deutlich mehr Spontanbewegungen zeige. Die Nächte seien unverändert unruhig. In der zweiten Behandlung ist anfangs die Amplitude des CRI noch auf einem Minimum. Ich arbeite wieder erst strukturell, jetzt auch über den Mund am harten Gaumen des Oberkiefers, dann wieder mit anregenden Techniken über Kreuzbein und Hinterhauptsbein. Nach ca. 15 Minuten beobachte ich endlich mehr eigene Kraft in der Amplitude. Ich bin erleichtert, dies ist das erste wahrnehmbare Zeichen für eine Besserung.
In den folgenden Behandlungen arbeite ich nach dem gleichen Schema. Erst strukturelle Arbeit, dann anregende Techniken, wobei die stimulierenden Techniken immer grössere Bedeutung bekommen. Nach der dritten Behandlung werden die Nächte zu Hause endlich ruhig. Die Mutter berichtet weiterhin, dass Sven einfach mehr da sei, dass er sich endlich mehr zutraue, was sich besonders in seiner Kontaktfähigkeit und in der motorischen Entwicklung zeige. In der Physiotherapie macht er beachtliche Fortschritte. Sven liegt in der Entwicklung noch um einige Monate hinter seinem Bruder zurück, aber er beginnt langsam seinen Rückstand aufzuholen. Auch das Kopfwachstum nimmt langsam, aber deutlich wieder zu.
Sven kommt noch zu sechs weiteren Behandlungen im Abstand von zwei Wochen, dann entwickelt sich die Kraft des CRI endlich so, dass die Amplitude mit einem gesunden Kind vergleichbar ist.
Jetzt sehe ich ihn nur noch in Abständen von 1 bis 2 Monaten.
Seine Geschichte ist deshalb interessant, da sich bei ihm keine klassisch strukturelle osteopathische Problematik zeigte. Die Dynamik der Eigenbewegung des Nervensystems, nach Sutherland „The Breath of Life“, war blockiert. Eine ausschliesslich strukturelle craniosacrale Arbeit wäre höchstwahrscheinlich weniger erfolgreich gewesen.
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Herzlich grüsst
Euer Cranioschule-Team





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